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9. August 2019

Geschlechtergerechte Sprache in wissenschaftlichen Texten

Schilder mit Frau und Mann in unterschiedliche Richtungen symbolisieren die Notwendigkeit vom Gendern in wissenschaftlichen Texten

Stell dir folgende Szene vor: Drei Studenten der mathematischen Fakultät wurden zu einem Vortrag in eine Firma eingeladen, um ihre neusten Berechnungen für ein firmeninternes Problem vorzustellen. Kurz bevor es losgeht, fragt einer der Studenten die Firmenchefs: „Können Sie mir sagen, wo die Toiletten sind?“. Die Antwort: „Die Damentoilette ist links am Ende des Flurs.“ 

Na? Überrascht? So sieht ein Text aus, der keine geschlechtergerechte Sprache nutzt. Niemand hätte gemerkt, dass eine der drei Studenten weiblich ist. Und welches Geschlecht haben eigentlich die Firmenchefs? Sind es zwei Männer, zwei Frauen oder ein Mann und eine Frau?

Die Notwendigkeit des Genderns

Unsere Gesellschaft ist geprägt von Rollenbildern, Schubladen und Klischees. Mathematikstudenten sind Männer. Firmenchefs sind Männer. Karrierevorträge halten Männer. So das Klischee. Doch natürlich gibt es auch viele Frauen, die Mathematik studieren, die Vorträge in Firmen halten oder Chefs einer Firma sind. Doch leider wird das – wie das Beispiel gezeigt hat – in der deutschen Sprache nicht deutlich. Und darum wird seit einiger Zeit eine geschlechtergerechte Sprache gefordert – das sogenannte Gendern. 

Die Forderung nach einer geschlechtergerechten Sprache ist nicht neu: Schon in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts machten erste sprachwissenschaftliche Untersuchungen auf die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in der deutschen Sprache aufmerksam. Nachlesen kannst du die historische Entwicklung des Genderns im Buchtipp: „Richtig Gendern. Wie sie angemessen und verständlich schreiben“*. Auf die Untersuchungen gab es sowohl positive als auch negative Reaktionen. Die Kritiker des Genderns bezogen sich dabei vor allem auf das üblicherweise verwendete „Generische Maskulinum“. Dabei wird stellvertretend für alle Mitglieder einer Gruppe die maskuline Bezeichnung verwendet. Eine Gruppe von 80 Studentinnen und 20 Studenten wird also üblicherweise als „die Studenten“ bezeichnet. Aus diesem Wort wird natürlich nicht deutlich, dass 80 Studentinnen Teil der Gruppe sind.

Das generische Maskulinum ist auch im obigen Beispiel der Grund, warum die Szene nicht eindeutig klärt, wer in der Gruppe dabei ist. Die Formulierung des Beispiels lässt lediglich darauf schließen, dass alle Beteiligten männlich sind. Und genau das ist der Grund, warum das Gendern so wichtig ist. Es geht darum, Männer und Frauen gleichermaßen zu nennen, die weibliche Präsenz in der Sprache deutlich zu machen und somit die Sprache ein wenig gerechter zu machen.  

Gendern in wissenschaftlichen Texten

Die Debatte um die geschlechtergerechte Sprache hat auch vor den Universitäten und Hochschulen nicht Halt gemacht. Vielleicht hast du in den Vorgaben deiner Uni zum Schreiben wissenschaftlicher Texte auch einen Absatz zum Gendern gefunden? Und vielleicht hattest du dabei die Frage im Kopf, was das alles soll? Diese Frage ist natürlich verständlich, schließlich gibt es schon genug Regeln, an die du dich beim Schreiben deiner wissenschaftlichen Arbeit halten musst. Doch auch das Gendern hat in wissenschaftlichen Texten seine Berechtigung und sollte in jedem Text umgesetzt werden. 

Wissenschaftliche Texte sollen verständlich und gut lesbar sein – vom Gendern wird das Gegenteil behauptet. Es heißt, dass es Texte unleserlich macht, dass es verwirrend ist und überhaupt völlig überflüssig. Wie setzt du die geschlechtergerechte Sprache also so um, dass der Leser davon nicht irritiert ist und deinen Text trotz des Genderns gut lesen kann? Hier einige Tipps:

Tipp #1 – Nutze die Vorgaben deiner Hochschule 

Wenn du in den Vorgaben deiner Uni Richtlinien zum Gendern in wissenschaftlichen Texten findest, solltest du dich unbedingt daran halten. Egal, wie unleserlich oder umständlich du die vorgegebene Schreibweise findest, du solltest sie umsetzen. So riskierst du keinen Abzug für formale Fehler und lieferst einen korrekten Text ab.

Tipp #2 – Entscheide dich für eine Variante des Genderns

Sind keine Richtlinien zum Gendern in den Vorgaben deiner Uni enthalten, solltest du trotzdem geschlechtergerechte Sprache in deinem Text nutzen. Dazu hast du verschiedene Möglichkeiten. Eine einheitliche Lösung wurde bisher nicht gefunden. Es gibt verschiedene Leitfäden und Vorschläge von verschiedensten Institutionen. Welche du davon umsetzt, bleibt dir überlassen. Die häufigsten Varianten des Genderns mit ihren Vor- und Nachteilen für wissenschaftliche Texte findest du in der folgenden Übersicht:  

Methode Schreibweise Verwendung
Doppelnennung Studenten und Studentinnen Diese Variante wird vor allem in Anreden verwendet und ist in längeren Texten eher unüblich. Darauf kannst du also in deinem wissenschaftlichen Text verzichten.
Binnen-I StudentInnen Diese Variante dient vor allem dazu, die Doppelnennung abzukürzen, um den Text nicht unendlich lang werden zu lassen. Allerdings kann diese Variante nicht mit allen Wörtern gebildet werden (z.B. Arzt). Das macht den Einsatz schwierig. Auch darauf solltest du also besser verzichten.
Splitting Student/innen Das Splitting wird immer seltener verwendet und wird zunehmend durch andere Schreibweisen ersetzt. Diese Variante ist somit schon veraltet und nicht unbedingt für deinen wissenschaftlichen Text geeignet.
Sternchen Student*innen Die Schreibweise mit dem Sternchen findet immer mehr Zustimmung und wird auch von vielen Universitäten empfohlen. Das liegt vor allem daran, dass bei dieser Variante nicht nur Männer und Frauen, sondern auch alle anderen Geschlechter gemeint sind. Sie werden durch das Sternchen symbolisiert und beziehen alle Menschen gleichermaßen ein. Diese Variante kannst du also bedenkenlos in deinem wissenschaftlichen Text verwenden.
Gender Gap Student_innen Der Gender Gap hat eine ähnliche Funktion, wie das Sternchen. Er meint alle Geschlechter und ist dadurch am wenigsten diskriminierend. Im Verglich zum Sternchen wird diese Variante zwar immer seltener verwendet, doch für deinen wissenschaftlichen Text kannst du sie ohne Probleme zum Gendern nutzen.
Geschlechterneutrale Formulierung Studierende Die geschlechterneutrale Formulierung findet häufig im bürokratischen Umfeld Anwendung. Es soll als geschlechtsneutrale Alternative zur männlichen und weiblichen Form gelten. Auch diese Variante kannst du in deinem wissenschaftlichen Text verwenden.

Quelle: Diewald, Gabriele und Anja Steinhauer: Richtig Gendern. Wie sie angemessen und verständlich schreiben. Berlin: Dudenverlag 2017.

Es gibt unzählige weitere Alternativvorschläge, wie beispielsweise das x als Endung. Damit würden die Studierenden „Studierx“ heißen. Mehr solcher interessanter Ideen findest du zum Beispiel bei der AG feministisch Sprachhandeln der Humboldt Universität in der Publikation „Was tun? Sprachhandeln – aber wie? W_Ortungen statt Tatenlosigkeit!“. Allerdings konnten sich viele davon aus verschiedenen Gründen nicht durchsetzen.

Tipp #3 – Setze die gewählte Variante einheitlich ein

Hast du dich für eine der genannten Varianten des Genderns entschieden, solltest du diese einheitlich im gesamten Text verwenden. Jedes Mal, wenn du einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen in deinem Text erwähnst, solltest du die gleiche gegenderte Variante verwenden. Jede*r Leser*in, alle Forscher*innen oder auch die Proband*innen deiner Untersuchung sollten auf die gleiche Art geschlechtergerecht bezeichnet werden. Damit verhinderst du, dass der*die Leser*in verwirrt ist und deinen Text frustriert zur Seite legt.

Tipp #4 – Übung macht den*die Meister*in

Natürlich ist das Gendern am Anfang ungewohnt, doch mit der Zeit wirst du eine Routine entwickeln und es wird dir immer leichter fallen, auf die geschlechtergerechte Sprache zu achten. Mit ein bisschen Geduld und Übung wird dann auch das Gendern in wissenschaftlichen Texten kein Problem mehr für dich sein.

Buchtipp zum Gendern

Wenn du es ganz genau wissen willst, oder du Fragen zu speziellen Fällen und Anwendungsmöglichkeiten hast, ist Hilfe vom Profi die beste Option für dich: Der Duden hat zum Thema Gendern ein eigenes kleines Heft rausgegeben, das sich ausschließlich mit dem Gendern und den verschiedenen Varianten des Genders beschäftigt. „Richtig Gendern. Wie sie angemessen und verständlich schreiben“* heißt es. Dort findest du alle Varianten übersichtlich und einfach erklärt, mit Anwendungsbeispielen und Tipps. Auch Hintergrundwissen zur Thematik findest du dort. Da es zudem bisher keine offiziellen Regelungen zum Gendern gibt, ist der Duden die beste Quelle für dieses Thema. Wenn du also in deiner Haus- oder Abschlussarbeit richtig gendern willst, ist dieses Heft ein Muss für dich! Es wird dir bei allen möglichen Spezialfällen helfen und du kannst es immer wieder als Nachschlagewerk nutzen.

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